Wahrzeichen

Rostock zum 800.

Ins Abendlicht eines klaren Wintertages getaucht, scheint das Bauwerk aus glühendem Backstein errichtet. Im Frühling, zur Baumblüte, setzt es den weißen Wipfeln der Obstgehölze auf den Höfen des Viertels seine gezackte Krone auf. Wann immer ich von auswärts komme, suchen meine Augen als Erstes nach ihm. Seine Hoheit gibt nicht aufdringlich Signal wie ein Leuchtturm. Sein Anblick befriedet. Ihm wohnt ein Besänftigungs­zauber inne, der mich milde auf das Zuhause und den Alltag in Rostock einstimmt.

Sein schlichter Name „Wasserturm“ vermengt sich gut mit dem Heimatort, denn Wasser ist das bestimmende Element unserer Küstenstadt. Die frühen Siedler benannten sie nach dem hier breiter werdenden Strom und sie tranken das Wasser der Warnow, wie wir noch heute.

Sind St. Petri und der Warnemünder Leuchtturm die erhobenen Zeigefinger der Stadt, so ist der Wasserturm ihre plumpe Tatze. Er reckt sich himmelwärts wie ein Lauf des Wappentiers, die Spitztürmchen sind die Fänge, von denen aber keinerlei Gefahr droht. Sieben kupferne Krallen sind es, die Rostocker Zahl findet sich wieder am Zweckbau, der reichlich Verzierungen trägt. Wie selbstverständlich das Schöne mit dem Nützlichen verbunden wurde!

Als Wasserreservoir dient der Turm nicht mehr. Heute ist er vernachlässigt, abgezäunt, er steht geduldig auf der Warteliste städtischer Aufgaben.

Ich habe ihn nie von innen gesehen. Er wahrt seine Geheimnisse, so wie die vielgestaltige Stadt mir all ihre Rätsel niemals preisgeben wird.

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