Festtage in der Unbestimmtheit und Tausendgesichtigkeit der Metropole

Treffen der Gombroclique 2022 in Berlin

Erstes Zusammentreffen am Abend, gleich nach unserer Ankunft, Gotzkowskystraße, in einem indischen Restaurant. Die Wiedersehensfreude ist groß, das Wiedersehen, für uns Rostocker nach der doppelten Frist, nach zwei Jahren. Denn wir konnten im letzten Jahr in Vence nicht dabei sein. Erste Feststellung (die alle tätigen): keine Veränderung. Niemand ist sichtbar gealtert. Und das trotz Pandemie, Krisen und Kriegsaus­wirkungen. Liegt darin ein Geheimnis? Ist die anhaltende Gombrowicz-Beschäftigung oder weiter gefasst: die Auseinander­setzung mit Literatur, die uns alle eint, ein Jungbrunnen? Ich behaupte es.

Wir lernen endlich Pascal in persona kennen. Gelesen und gehört hatten wir schon viel von ihm. Er gehört sofort dazu. Wie jedesmal reden alle mit-, gegen- und durcheinander, über Kreuz, in Gruppen, in wechselnden Formationen. Auch hier keine Veränderung: Alle, besonders aber Paul, haben Mühe zu verstehen. Zusätzlich erschwert durch die Hintergrundgeräusche im Restaurant. Babylon Berlin.

Das beherrschende Thema ist natürlich der Ukrainekrieg, es kommen auch die anderen erwartbaren Diskussionsthemen „wokeness“, „kulturelle Aneignung“, Gesundheitspolitik usw. auf den Tisch. Wir sind häufig verschiedener Meinungen und das dürfen wir. Daneben planen wir die Vorhaben des nächsten Tages: Elka und Olaf laden zum Arbeitsfrühstück in ihre Wohnung um die Ecke, in der Straße, die nach einem preußischen Staatsrat benannt ist. Kein Gombrocliquentreffen ohne Zusammenkunft zur Arbeit. Rolf möchte aus seiner Neuübersetzung von „Ferdydurke“ vortragen. Und am Samstagabend liest Szczepan Twardoch im Berliner Haus der Festspiele, im Rahmen des 22. Internationalen Literaturfestivals Berlin und sein Übersetzer Olaf, der durch die Veranstaltung führt, hat uns Freikarten besorgt.

Doch das wird morgen sein. Heute Nacht fahren wir durch das niemals schlafende Berlin in Richtung Osten, zur Frankfurter Allee, wo wir dank Tuesday in großem Komfort beherbergt sind.

U-Bahnfahrt mit Maskerade am Samstagmorgen. Wir kommen eine Viertelstunde zu spät, weil wir, abgelenkt durch einen Flohmarkt, erst in die falsche Richtung liefen. Die Fieguths und Paul sind schon da. Der Frühstückstisch ist eine Augenweide und der Anblick hält, was er verspricht. Herausragend die „jajka w sosie tatarskim“ von Elka.

Die neue Fieguthsche Übersetzung und ihre laute Lesung zeigen, wie lebendig dieser Text ist. Wie überraschend aus den Sätzen – oft gelesenen – Neues in Ohr und Auge springt. Wie oft so Heiteres-Hintertüriges, auf den Punkt Gebrachtes, den Hörer erstaunen lässt. In wenigen Büchern kann man immer wieder derart neu beginnen zu lesen und das Verstehen frisch „bespähen“. Schon bald wird die Neuübersetzung im Kampa Verlag erscheinen und in den Buchhandlungen zu erwerben sein. (Witold Gombrowicz, Ferdydurke, neu übersetzt von Rolf Fieguth, Kampa 2022)

Paul hat Ablichtungen von Grafiken und Siebdrucken (von Martina Wagner-Mohr und Hans Landsaat), die von Gombro und seinen Werken inspiriert sind, mitgebracht. Vielleicht werden sie eines Tages im Musée Gombrowicz in Vence oder in Paris ausgestellt. Wir betrachten sie und erfahren, dass die niederländische Literaturzeitschrift SOMA schon im Dezember 1972 Werke von Landsaat in einem Beitrag über Gombrowicz abgedruckt hat. Redakteur der SOMA war vor diesen nunmehr 50 Jahren unser lieber Paul …

Olaf schreibt ein Buch über Russland, wie es das Russland unserer Tage wurde. Rowohlt Berlin hat ihn gebeten. Wer wenn nicht er, hätte die Expertise für diese schwierige Aufgabe. Das geschwungene „Z“ soll das Cover zieren, das wird für Polemik, aber vor allem für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. (Olaf Kühl, Z – Kurze Geschichte Russlands, von seinem Ende her gesehen, Rowohlt Berlin, März 2023)

Nach dem Aufbruch ist Zeit zur freien Verfügung, wir wollen uns am Haus der Berliner Festspiele zur Lesung wiedertreffen. Patricia hat sich mit ihrer Freundin C. verabredet. Ich entschließe mich, bis zum Abend durch die Großstadt zu spazieren. Planlos, aber nicht ganz ziellos. Denn ich wollte zum bulgarischen Laden in der Seestraße, Vorräte an Gewürzen zu kaufen. Ich flaniere zu einer passenden Bushaltestelle, doch der nächste kommt erst in 20 Minuten, so folge ich der Buslinie, von Haltestelle zu Haltestelle. Ich lass mich treiben, überall geschäftiger Samstagstrubel, einkaufende Menschen aller Körpergrößen und Altersstufen mit Einkäufen in allen Ausmaßen. Neben den Schreitenden stehende, sitzende, hockende Hauptstädter in allen Tüchern, Sprachen und Farben auf dem Gehweg, vor den Häusern, in den Häusern, vor Cafés, Imbissbuden, Bistros, Restaurants und darin. Der Bus fährt mir davon, was macht das schon. An einer Häuserwand, ganz oben ein Graffito: „Seid unregierbar!“ Hätte es gerade in Berlin nicht richtiger heißen müssen: „Bleibt unregierbar!“ Aber traurig regierbar sind wir schon, nicht im politisch-verwaltungstechnischen Sinne, da ist Berlin offensichtlich unregierbar, sondern im Drang nach Wohlstand und würdigem Leben, also letztlich nach dem Geld, willig regierbar und regiert von den Mächtigen, den Wächtern der Verteilung, den Hütern der Erbregeln, den Stützen der Kapitalgesellschaften. Ist sie so gemeint, ist die Aufforderung „Seid unregierbar!“ weit revolutionärer. Nun bin ich am Westhafen, an der beginnenden Seestraße angekommen, hier noch Schnellstraße, ganz ohne Häuserzeilen. Ich setze mich an der Bushaltestelle, schaue wie alle grundlos auf mein Handy und warte. Der Bus nimmt mich mit, durch die Scheibe sehe ich bald linkerhand die Aufschrift „Magazin Bulgaria“. Ich bekomme in dem gut sortierten Geschäft alles, wonach ich suchte.

Nach Erledigung dieser Aufgabe irre ich auf einem absurden Gang durch den Wedding. Hin und Her, Vor und Zurück, in Unentschlossenheit. Wo fahre ich hin, wo laufe ich hin? Oder steige ich in die U-Bahn, oder S-Bahn? Und wohin soll sie mich bringen? Vielleicht irgendwo einkehren? Aber wo? Alles sieht im ersten Moment wirklich einladend aus. Alles sieht auf den zweiten Blick nicht wirklich anziehend aus. Ich kann mich nicht entscheiden, wie und wo ich die Stunden bis zum verabredeten Treffpunkt verbringen möchte. Als würde die Unbestimmtheit und Tausendgesichtigkeit der Metropole auf meine innere Navigation einwirken. Ich verlaufe mich, kehre um, verwerfe jede neue Idee. Schließlich steige ich in die U-Bahn und fahre zum Ort der Abendveranstaltung. Es ist noch so viel Zeit. Dort gebe ich mich weiter dem ziellosen Erkunden durch den Kiez hin. Letztlich das, was ich mag. Das Spazieren ohne Sinn und Zweck ist Qualitätszeit, ohne Zweifel. Keine Pflichten, keine Eile. Nur Flanieren und über etwas Ungewisses, Nichtbenennbares brüten. Oder über die Gedankenleere im Kopf grübeln: Woher kommt das, dass man Zeit zum Nachdenken hätte, aber lediglich darüber nachzudenken weiß, warum man über NICHTS ernsthaft nachzudenken vermag? Ich hätte viele Entschuldigungen dafür und dennoch ist es einfach schade, dass es so ist, wie es ist.

Am Ende lande ich doch in einem Gasthaus. Ich habe mich anziehen, einladen lassen, von den hübschen Tischen in der Septembersonne, am Ludwigkirchplatz. Am Nebentisch telefoniert ein Enddreißiger oder Anfangvierziger, dem lautstark geführten Gespräch nach, ein Verleger oder Lektor. Sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung möchte offenbar ein Manuskript zurückziehen oder zu einem anderen Verlag wechseln. Mein Tischnachbar gibt den Mahner und redet ihm ins Gewissen. Während ich Königsberger Klopse, auf einem Kreamikteller-Unikat serviert, speise und mich mit einem Engelhard-Pilsner über die Gedankenleere hinwegzutrösten versuche, gibt er, unerschütterlich selbstbewusst und gut bei Stimme, alles, um den Autor zu halten. Wer wünschte sich nicht einen solchen Kämpfer als Lektor? So einige Male habe ich selbst schon Königsberger Klopse gekocht, ich weiß also, wovon ich rede, wenn ich das Gericht hier im „Kuchel Eck“, am Ludwigkirchplatz 1, sehr loben muss.

Der Tischnachbar erhält einen zweiten Anruf. Er spricht nun Englisch: „Your text is wonderful!“ Da taucht plötzlich eine junge Asiatin (ich vermute, warum auch immer, sofort: eine Japanerin) mit Mund-Nasen-Schutz vor uns auf. Sie telefoniert ebenfalls, hat so einen Knopf im Ohr. Als sie an unseren Tischen vorbeischreitet, gibt es einen kurzen Blickkontakt mit dem mutmaßlichen Lektor, beiderseitig. Einige Meter weiter wechselt sie über einen Zebrastreifen auf die andere Straßenseite und bleibt dort hinter einem Begrenzungsgeländer stehen. Sie ist Erscheinung genug, dass ich sie beobachte. Dabei fällt mir auf, dass die Gesprächspausen der beiden zueinander passen … Offenbar führen sie das Gespräch miteinander! Einmal schaut sie verstohlen herüber. Dann geht sie, immer noch telekommunizierend, auf dem Gehweg der anderen Straßenseite hinter abgestellten Autos weiter, langsam und in der Richtung, aus der sie gekommen war. Vor einer größeren Parklücke, so dass sie gewiss sein kann, dass er es sehen würde (und ich sehe es auch, denn mein Blickwinkel vom dichten Nebentisch ist fast der gleiche), vollführt sie unvermittelt einen Spagatsprung. – Ballettös. Grazil. Gekonnt. Was für eine Szene!

Sie hat die Statur einer Tänzerin. Das Ganze ein Rollenspiel? Ein Flirt, eine erotisch untermalte Annäherung, behutsam, ritualisiert? Leider kann ich nicht jedes Wort, das der Mann daraufhin in sein Handy murmelt, vernehmen. Festzuhalten ist, dass er ein geübter Fernsprecher ist. Jemand, der die Konversation am Smartphone meisterlich beherrscht. Ich verstehe nur seine letzten Worte: „I will catch you!“ Woraufhin sie einen letzten vielsagenden Blick wirft und abdreht. Wie würde wohl das nächste Treffen, das „Catching“ der beiden aussehen? Ist sie auch eine Autorin seines Verlagshauses? Eine junge japanische Erfolgsschriftstellerin, die ihren deutschen Lektor umgarnt? Oder eine Tänzerin, die Kritiken schreibt? Wahrscheinlich das alles und noch viel mehr …

Twardoch war gut drauf. Schlagfertig und gesprächig, ganz anders als bei dem Auftritt vor Jahren im DT, wo er leicht mürrisch wirkte. Die gelesenen Buchpassagen fielen nach den vielen Vorschusssuperlativen etwas dünn aus. Aber die Unterhaltung mit Olaf (die beiden sind ein eingespieltes Team) war kurzweilig und hat Eindruck hinterlassen. Wir geistern danach über den Kudamm. Wohin ist sein Nimbus? Was ist heute noch reizvoll an dieser Straße? Bei solchen Gedanken steht man plötzlich vor einer Tafel mit der Aufschrift „Hier schrieb Robert Musil von 1931 bis 1933 an seinem Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘ “. Vergessen wir auch nicht, dass hier Gombro Kaffeehäuser aufsuchte und zu Verabredungen ging. Wir finden nirgends einen Platz in den überteuerten, hässlichen Großlokalen. Gut so, denn schließlich landen wir im Literaturcafé in der Fasanenstraße. Im Wintergarten können wir einen freien Tisch ergattern und die Bedienzeit dauert noch für zwei Runden an.

Sonntag. Im „Kuchenrausch“ brunchen wir, lassen den gestrigen Abend Revue passieren. Tuesday schlägt vor, eine „Erlesene Leiche“ anzufertigen und sie Rita zu schicken. „Cadavre exquis“ aus Berlin. Eine gute Idee, denn Rita ist mit dem Surrealismus vertraut. Sie lernte Salvador Dalì noch persönlich kennen. Und so ziehen wir mit den Bleistiftlinien auf den Papierfaltstreifen eine Verbindung bis nach Paris. Wir schreiben auch jeder eine Zeile auf eine Postkarte für sie. Eine schöne Literatentradition, die angesichts der durchdigitalisierten Kommunikation noch an Wert gewonnen hat.

Mit der U-Bahn fahren wir zur Haltestelle „Rotes Rathaus“ und laufen zum Humboldtforum. Gegenüber der Gebäudefront an der Stelle des ehemaligen Palastes der Republik, auf der anderen Flussseite stand einstens ein Hotel, in dem Norwid gewohnt und auch am „Quidam“ gearbeitet hatte. Das wusste Rolf zu berichten. (Cyprian Norwid, Quidam – Przypowieść/ Parabel und Para-Roman, Polnisch | Deutsch, übers. und herausg. von Rolf Fieguth, Frank & Timme, Berlin 2022) Im Touristeninformationsbüro im Humboldtforum konnten wir später an einem Modell der Stadt aus früheren Zeiten sogar das betreffende Haus identifizieren.

Die ethnologischen Ausstellungen stehen im Lichte der Provenienzforschung, unter dem Blickwinkel der Kolonialismuskritik. Die geraubten oder unterbezahlten Skulpturenschätze nach Afrika, Asien, Ozeanien usw. zurückgeben? Ja. Auch wenn sie dort – dergestalt ein beliebter Einwand – vielleicht nicht so sicher aufbewahrt werden? Ja. Die Kostbarkeiten vorher hier noch allen zeigen? Ja. Dreimal ja. Nach meiner Meinung hat freilich niemand gefragt.

Wenn einem Bildhauer oder Maler, Musiker oder Dichter einmal die Schöpferkraft versiegt, sollte er sich diese Objekte aus den europafernen Gegenden ansehen. Inspirationen zuhauf durch die fremdartigen Gegenstände, die reiche Formensprache. Für uns war es heute zuviel. Zu viele Eindrücke, zu viele Gesichter. Man könnte Stunden allein in einem Saal, vor einem Schaukasten verbringen.

Vor der Heimfahrt essen wir eine leider nur mäßige Currywurst auf dem Alexanderplatz. Wie gut, dass sie die einzige wirkliche Enttäuschung dieser Tage in Berlin war!

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