Archiv des Autors: gombroman

Resto fiorentino

Firenze, Florenz, im August 2017 – „RED“ an der Piazza Repubblica – „Read Eat Dream“ – ein Ableger der Feltrinelli-Buchhandelskette, in dem man zusätzlich kleine Köstlichkeiten verspeisen und trinken kann, umgeben von Kochbüchern und sogenannten Coffee-Table-Bänden – hier sehe ich mir das Angebot an „narrativa“ an. Zwischen Golding und Gordimer – ein Gombrowicz: „Cosmo“, herausgegeben und mit einem Nachwort von Francesco M. Cataluccio, neu übersetzt von Vera Verdiani (il Saggiatore, Milano 2017). Schöne Klappenbroschur mit einem gut ausgewählten Titelfoto. Zu erkennen ist sofort Munchs „Schrei“, aber es nicht das bekannte Bild oder ein Ausschnitt daraus (das wäre auch zu abgegriffen), sondern das Detail einer bemalten Plastik (?), der Kopf mit den aufgerissenen Augen und der weit aufgesperrten Mundhöhle, die Hände bedecken die Ohren (Foto: Gabriel Bouys). Meine Web-Recherche ergibt, dass es sich um einen Teilnehmer am Karneval von Venedig 2014 handelt, mit einer nach dem Vorbild von Edvard Munchs Gemälde offenbar selbst gefertigten Maske.

Der Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker, Literaturwissenschaftler und Comic-Kenner Michele Mari hält „Cosmo“ für eines der vier oder fünf schönsten Bücher des 20. Jahrhunderts. „Uno dei quattro o cinque libri più belli del Novecento è sicuramente Cosmo di Witold Gombrowicz. […]“ – so steht seine Einschätzung auf dem Rücktitel.

Selbstverständlich erwerbe ich das Buch für meine kleine Sammlung fremdsprachiger Ausgaben von Gombros Werken. Ist es ein Zufall, dass hier von W. G. gerade und ausschließlich „Cosmo“ angeboten wird? (Alle anderen Buchhandlungen, die ich bei meinem viel zu kurzen Italienurlaub noch besuchen konnte, führten ebenfalls entweder nur diesen Titel oder gar keinen.) Es könnte an Żuławskis Verfilmung von 2015 liegen, die mit Erfolg auf dem Filmfestival im italienischsprachigen Locarno und in den Kinos lief. Es ist aber in erster Linie so, weil in den Buchläden hauptsächlich Neuerscheinungen und todsichere Longseller vorrätig gehalten werden. Der Raum für Experimente oder eine gepflegte Auswahl an Titeln aus der Backlist der Verlage wird immer spärlicher. Der Interessent kann ja hier bestellen, falls er das nicht längst online erledigt hat …

Florenz ist die Stadt Dantes und da hätte man natürlich auch Gombros Büchlein über Dante erwarten können, aber das ist als Einzelausgabe in italienischer Sprache zuletzt 1969 erschienen. Die „Tagebücher 1959-69“, worin der Text enthalten ist, wurden 2008 das letzte Mal in Italien aufgelegt. Zu lange her, um hier zu stehen, aber immerhin sind die „Tagebücher“ auf Italienisch lieferbar.

Ob Florentiner Buchhändlerinnen und Buchhändler wissen, dass auf einigen wenigen der 464 Seiten („Diario. Vol. II“) Dante Alighieri, der „Divino Poeta“, und seine „Divina Commedia“ respektlos & geistvoll zerpflückt werden?

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Das stille Rauschen der Blätter

Ein Abschied

Wir beenden „halb gezwungen, halb freiwillig“ (Franz Kafka, Eine entschlafene Zeitschrift) unsere Arbeit an den Gombrowicz-Blättern. Zumindest jene Arbeit, die der Vorbereitung und Fertigstellung einer GEDRUCKTEN Ausgabe der Zeitschrift dient. Der „Gombrowicz-Blätter fünfter Streich“ ist somit gestrichen.
Die Nachfrage und das Interesse an den „Gombrowicz-Blättern“ hielt sich, nicht anders als vorauszusehen, in Grenzen – nicht in Sprach- und nicht innerhalb von Ländergrenzen, sondern quantitativ. Wer in heutigen durchdigitalisierten Zeiten ein papiernes Magazin begründet, kalkuliert in der gebotenen Nüchternheit ein baldiges Ende ein. Es war ein schönes Experiment, das nach immerhin (oder gerade mal, ganz wie Sie es beurteilen) vier Ausgaben die Ausdauer und Kräfte des Herausgebers übersteigt. Glauben Sie ihm nur, er wird sich von nun an nicht ausruhen, er widmet sich unabwendbaren Pflichten und weiterhin verschiedenen Herzensangelegenheiten. Und auch mal wieder diesen Seiten hier. Im Internet, auf den Bildschirm-Gombrowicz-Blättern wird es noch dies und das zu lesen geben.
Es steht aber auch in Betracht, dass die Printausgabe nur für unbestimmte Dauer „auf Eis gelegt“ bleibt und eines Tages doch wieder zum Leben erweckt wird, vielleicht in zeitlicher Übereinkunft mit dem nächsten Lebensfrühling des Herausgebers? Womöglich findet sich unverhofft ein Verlagshaus auf festeren Fundamenten, das die Blätter edieren möchte? Ein mirakulöser Millionen-Mäzen? Wer weiß? Man sollte versuchen, in ungewissen Zeiten nicht ausschließlich böse Überraschungen zu ahnen.

Danke an alle Förderer, Abonnenten, Autoren und Leser, die uns in den Jahren seit 2013 begleiteten.

Ach, und es sei nicht vergessen: Noch gibt es Heft 1 bis 4 der Gombrowicz-Blätter in kleinen Restauflagen zu kaufen. Gern auch zum Paketpreis – alle vier Hefte für 20,- Euro, portofrei innerhalb Deutschlands.

„Yvonne“ in Hamburg und aus Marseille

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Inszenierungen eines Theaterstücks zu vergleichen, ist wie Birnen mit Äpfeln von ein und demselben Baum zu vergleichen. Der Baum hat in diesem Falle einen Stammvater oder Stammherrn, den polnischen Dramatiker und Schriftsteller Witold Gombrowicz. Ein Bühnenwerk kann man übrigens durchaus als einen Baum beschreiben: Die Wurzel hat der Autor des Stücks gelegt und erschaffen, der Baum wächst aus und auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“. Er wird durch Aufführungen und Interpretationen in verschiedene Richtungen austreiben, sich verästeln und verzweigen, blühen und Früchte tragen. Zensur könnte ihn beschneiden. Kritik versuchen, ihn zu fällen oder was am traurig-gewöhnlichsten wäre: Er wird ungespielt, ungepflegt verkümmern und eingehen. Ganz so wie ein Buch – dem Baum schon begrifflich und substantiell anverwandt – unterschiedliche Lesarten und Lesefrüchte hervorbringen kann, so kann ein Drama als Baum der Erkenntnisse völlig verschiedene köstliche, schlüpfrige, gehaltvolle, süße, gesalzene, bittere, bekömmliche oder unverdauliche und giftige Früchte erzeugen.
Doch genug von diesen Apfelbirnenbinsenweisheiten.
Da meine Besuche der zwei Aufführungen inzwischen bereits eine geraume Weile zurückliegen, bleibt der Vergleich auf der Stufe ein paar aneinandergereihter Beobachtungen.

Gombrowicz ist mittlerweile auf der Bühne am häufigsten und lebendigsten präsent, bzw. auf der Bühne und auf der Leinwand (denken wir etwa an den preisgekrönten „Cosmos“-Film von Żulawski, der gerade in den Kinos, zumindest den Programmkinos, läuft). Das Stück, das er als erstes schrieb und das am längsten auf eine Aufführung warten musste, ist heute wohl sein meistgespieltes: „Yvonne, die Burgunderprinzessin“. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden darüber hinaus fast alle seine Prosawerke dramatisiert, sogar bis hin zu Auszügen aus dem „Tagebuch“. Von alldem habe ich leider außer einer „Trans-Atlantyk“-Aufführung in Breslau nichts gesehen. Nun hatte ich aber das Glück innerhalb eines Jahres zwei Inszenierungen der „Yvonne“ beizuwohnen.

Sollte das Schicksal seine Finger im Spiel gehabt haben, als ausgerechnet der 22. Oktober zu einem Vorstellungstermin in Hamburg bestimmt wurde? Für Witold Gombrowicz hatte die Zahl 22 eine besondere Bedeutung. Dann wurde die „Yvonne“ auch noch im „Malersaal“ des Deutschen Schauspielhauses dargeboten, diese Spielstätte mit bis zu 146 Sitzplätzen befindet sich in einer Räumlichkeit, die früher als Theatermalerwerkstatt genutzt wurde. Eine willkommene Umwidmung, wo Gombrowicz doch sein gespaltenes Verhältnis zur Malerei mit Inbrunst pflegte …

In Hamburg haben wir eine Verdichtung auf Studiotheater-Atmosphäre, man geht einen langen schmalen Gang zum Einlass, steigt dann noch Treppen hinab. So baut sich eine leichte Beklemmung, eine Verengung durch eine tiefliegende, geschlossene Raumwirkung auf, die sich auf das System des königlichen Hofes, des Schlosses überträgt. Das Bühnenbild nutzt und beutet diese Grundstimmung geschickt weiter aus. Der zentrale Raum ist umgrenzt von Wänden, die allerdings über nicht weniger als sieben Türen eine Verbindung nach draußen gestatten. Aber dieses „Draußen“ ist kein wirkliches Außerhalb, keine Sonderzone, sondern gehört natürlich zum Königreich. Der Schlosssaal ist bereits etwas heruntergekommen, die Tapeten sind abgewetzt, an der erbadligen Würde nagt der Zahn der Zeit und die Langeweile. Alkoholische Getränke stehen nicht zufällig griffbereit. Die Ausstattung der Bühne ist gelungene Theaterillusion.

Und hier haben wir schon einen ersten kapitalen Unterschied der beiden Aufführungen. Ich sagte ja eingangs, es sind Birnen und Äpfel, die ich zu vergleichen beabsichtige. Die mobile Theatertruppe aus Marseille „En Rang d’Oignons“ kürte mit Bedacht einen Kinderspielplatz zur Schaubühne unter freiem Himmel. Das Klettergerüst mit Rutsche, einer erhöhten Ebene und Bedachung versinnbildlicht hier das Königsschloss. Die Regisseurin begründet die Wahl des Spielortes sehr schlüssig: Auf dem Spielplatz leben Kinder ganz unverstellt und ohne Gnade die körperlichen, charakterlichen und sozialen Unterschiede in ihren Rollenvergnügen, ihren Macht- und Gewaltspielchen aus. Jeder wisse das noch aus seiner eigenen Kindheit, man erkenne hier die Mechanismen unserer Gesellschaft und des zwischenmenschlichen Lebens wieder, das Triumphieren der Stärkeren, die mehr oder weniger freiwilligen Akte der Unterwerfung, den Kampf der Geschlechter, gutes und böses Handeln. Während wir auf den Hof der Vorschuleinrichtung (école maternelle) in Châtillon eingelassen werden, hören wir Kindergeschrei und Spielplatzlärm, der die Atmosphäre dieser Umgebung sonst prägt. Er wird eigens über Lautsprecher eingespielt, denn natürlich sind nun, bei beginnender Dämmerung, keine Hütekinder mehr zugegen. Wir nehmen in einem Halbrund um die Spielanlage Platz und das Schau-Spiel beginnt.

Die Titelheldin ist wirklich die wichtigste Figur des ganzen Stückes, obschon und gerade weil sie passiv ist und kaum etwas äußert. Im kompletten Textbuch (nachgezählt in der deutschen Neuübersetzung von Olaf Kühl) sind es exakt 43 Wörter in 9 Sprechakten, die Yvonne von sich gibt. Das ist mehr, als die Leser oder Zuschauer des Stücks fühlen und für möglich halten. In Relation gesetzt zu den anderthalb Stunden Aufführungszeit des Theaterstücks in Châtillon und der eineinviertel Stunde in Hamburg sind es aber lächerliche 18 bis 20 Sekunden, für die eine sehr schweigsame Yvonne ihren Mund öffnet. Das bedeutet, den ganzen Rest der Zeit arbeiten sich die anderen Darsteller an ihrer Anwesenheit, ihrem stummen, unzugänglichen Dasein, ihrem So-Sein, ab. Das – wir können es wissen – hat der Stückeschreiber absichtlich dergestalt eingefädelt. Um die Auseinandersetzung mit ihrer „Natur“, ihrer „Biologie“ ging es dem Strippenzieher Gombrowicz.

Beide Inszenierungen wählen ihre Yvonne scheinbar aus dem Publikum, das ist naheliegend, denn die Yvonne ist eine Zufallsbekanntschaft des Prinzen „aus dem Volke“ oder der niederen Gefolgschaft. Im Hamburger Schauspielhaus soll die Illusion erweckt werden, es handele sich um eine Besucherin, die Teil der Zuschauermenge ist, dementsprechend wird die Yvonne aus der ersten Reihe auf die Bühne gezogen. Desgleichen geschah es in Châtillon, doch die Yvonne, aus dem Publikum erwählt, wird hier gleichsam erst erschaffen, wird erst „gemacht“. Sie muss ein Trikot mit der Aufschrift „Yvonne“ überstreifen, während die Hamburger Yvonne bereits in das passende Kostüm gekleidet ist. Die Regisseurin Edith Amsellem geht hier subtiler und innovativer vor, indem sie für jede Aufführung eine andere Yvonne wählt, und zwar eine Darstellerin, die nie zuvor mit dem Ensemble geprobt hat, die ihre Aufgabe noch gar nicht kennt, erst in diesem Moment in wenigen Grundlinien unterwiesen wird. Sie erhält Instruktionen des Kammerherrn. In der Amsellem’schen Inszenierung ohnehin in tragenderer Rolle ausinterpretiert, wird der Kammerherr hier zu einem erweiterten Zeremonienmeister, der unter Mitwisserschaft des Publikums die Hauptdarstellerin für einen Abend quasi-vertraglich verpflichtet, mit ihr einen Pakt schließt. Dieser Pakt beinhaltet, dass sie keinen Mucks von sich geben dürfe, ganz gleich, was mit ihr geschieht, nur an einer einzigen Stelle des ganzen kommenden Abenteuers müsse sie sprechen, und zwar, wenn sie gefragt wird: „Glaubst du, dass Jesus Christus für dich am Kreuz gestorben ist?“ Dann dürfe sie mit Nachdruck bejahen. Diese vollkommene Ahnungslosigkeit der Yvonne, die keine Vorstellung davon hat, worauf sie sich einlässt, ist ein großer Trumpf der Aufführung. Im Kopf des unter zusätzliche Spannung gesetzten Zuschauers wird nicht nur Yvonne zum Spielball der Gelüste, Ideen und Konter-Ideen des Prinzen sowie des ganzen Hofes, sondern zugleich die ernannte Schauspielerin der Yvonne zu einer Testperson der Theater-Torturen. Damit wird die Szenerie des Königshauses aufgeweitet, universaler und auch diesseitiger. Die Hamburger Yvonne spielt ihre Ahnungslosigkeit auch sehr gut. Dennoch ist es im Vergleich zur Yvonne in Châtillon eine „einstudierte“ Ahnungslosigkeit, wenn man das so sagen darf.

Übrigens spielen in beiden Inszenierungen Frauen in Männerbekleidung die Rolle des Kammerherrn. Der Kammerherr als Hosenrolle ist keine schlechte Idee, entspricht die Zwischengeschlechtlichkeit der Figur doch dem Credo von Gombrowicz „in sexuellen Dingen indifferent“ zu sein. Und die ohnehin obskure Verbindung zwischen König Ignatz und dem Kammerherrn, die in Liebschaften und Missetaten aus der Vergangenheit gründet, schraubt sich in der Fantasie der Zuschauer um einige Drehs oder mögliche Kombinationen weiter.

Wie ist das Figurenensemble im Weiteren besetzt? Beide Inszenierungen streichen die Zahl der handelnden Personen ein wenig zusammen. In Hamburg sind es acht Darsteller und bei den Marseillern sieben. Auf der Hamburger Bühne wird der Diener Valentin als eigene Figur aufgeboten. Es fehlen Cyrill und Cyprian, ihre Funktionen als Beipflichter, Einflüsterer, Kommentatoren, Anstifter oder vorsichtige Bremser übernehmen Valentin und Innozenz mit. Beim Theaterensemble „En Rang d’Oignons“ werden Cyrill, Cyprian, Innocence und Valentin von einem Schauspieler verkörpert. Zum Hofstaat und wahlweise zum Volk werden wir, das Publikum, natürlich bei beiden Inszenierungen. Die Erste und Zweite Tante Yvonnes und der Bettler müssen nicht extra erscheinen, sie werden im imaginären Raum, irgendwo unter den Zuschauern, vorausgesetzt. Diese Einsparungen sind mehr als vertretbar, sogar der Verdichtung förderlich.

Kommen wir nun zu einigen Betrachtungen der schauspielerischen Leistungen und Eigenheiten beider Aufführungen.
Bei den Franzosen waren es erfahrene, gestandene Mimen, bei denen jede Geste, jede Bewegung perfekt ausgespielt war, hohe Echtheit erzeugte. Dem höheren Alter der Schauspieler zum Trotz herrschte hier eine unglaubliche Akrobatik und Elastizität vor. Die Anpassungsfähigkeiten an den „Zwang zur Form“, den Gombrowicz postulierte, und der unterschwellig ein Thema dieses Theaterstücks ist, waren hier fast sportlicher Natur. So wurde denn auch das Verbeugen als zutiefst symbolischer Akt stärker ausgereizt. Wenn sich das Königspaar und die Edlen vor Yvonne verbeugen, um sie durch ihr lehrhaftes Beispielgeben zum Verneigen, wie es die Etikette verlangte, durch Nachahmen, Nachäffen zu bewegen, hatte diese Szenerie als Umkehrung der hierarchischen Ehrenbezeigungen, die alles durcheinander wirft, die Sprengstoff birgt, einen hohen Stellenwert. Die Schauspieler der Truppe aus Marseille steigerten die Verbeugung sogar bis in ein Auf-den-Boden-werfen, wie Turner, die aus dem Stand in den Liegestütz springen und sich danach sogar noch ganz platt an den Boden drücken. Um nach einem Wimpernschlag mit Eleganz wieder aufzuschnellen und sich im nächsten Moment wieder hinzuwerfen. Dies in mehrfacher Wiederholung. Das ganze absurde Ausmaß und schon zu Klein-Gombrowicz’ Zeiten Anachronistische dieser Ehrerweisungen wird so augenfällig.

Dieser wichtige Aspekt fehlte bei der Hamburger Inszenierung natürlich nicht, wurde aber nicht so sehr betont. Das junge Ensemble dort setzte eher auf andere Knalleffekte, Ausraster und jugendlichen Übermut. So hatte Innozenz als Beschützer von Yvonne einen sehr starken Auftritt, er zerschlägt in Rage den Alarmkasten, der wie das tatsächliche Inventar des Theaters aussieht (es vielleicht auch ist), wirkliches Glas kracht, splittert. Er entnimmt eine Feuerwehr-Axt, mit dem Notbeil stürzt er sich auf den notgeilen Phillip. Auch eine andere Episode zeigt die juvenile Radikalität der Hamburger Aufführung: Innozenz entblößt sich, zieht blank, das Theaterpublikum muss auf seinen Penis sehen, immerhin zerrt er sich im gleichen Atem- und Bewegungszug den Pullover über den Kopf, er zeigt sein Geschlecht ohne Gesicht, sein Geschlecht wird zum Gesicht. Dann wird das Ganze noch in die satirische Anspielung auf hartnäckige Theatertrends gedreht: Seine Handlung wird von Isabelle mit „Das ist ja sowas von Neunziger!“ kommentiert. Ja, solches Theater hatten (und haben wir), wo sich alle Nase lang Menschen auf der Bühne entkleiden, vergewaltigen oder einvernehmlich koitieren, mit dem nackten Körper paradieren und ihn peinigen, quälen oder liebkosen. Die Höhephase dieser Stilmittel lag wohl tatsächlich in den Neunzigern des vorigen Jahrtausendjahrhunderts. Sie ist abgeflaut, aber nicht vergangen, und wurde schon immer parodiert, so auch hier. Und vergessen wir aber nicht, dass der Theaterautor Gombrowicz selbst der Thematisierung der Nacktheit ein ganzes Stück, die „Operetka“ gewidmet hat, so ist also durchaus ein Bezug zu Gombrowicz gewahrt.

Wenn ich oben bemerkte, die Schauspieler aus Marseille wären akrobatisch und sportlich zu Werke gegangen, so heißt das nicht, dass sie mit dem gesprochenen Wort nicht ebenso eindrucksvoll operierten. Ich hatte das Gefühl, sie transportierten den textlichen Gehalt des Stückes tiefsinniger und akzentuierter als ihre jungen Kollegen in Hamburg. Im Schauspielhaus ließen die lauten, stoßweisen Ausbrüche, die bühnenwirksamen, hitzigen Aktionen dem Zuschauer kaum Verschnaufzeit, Gedanken aus dem Gesagten zu entwickeln, so mein Empfinden. Aber es erzeugt auch hier Nachwirkung, Nachhall.

Beiden Theatervorstellungen verdanke ich, dass mein Augenmerk stärker auf die Szene im 4. Akt gelenkt wurde, als der Königin bewusst wird, wie sehr ihr heimliches Dichten der Unzulänglichkeit und Absonderlichkeit Yvonnes ähnelt. Gombrowicz berichtete des Öfteren davon, dass ihm das Schreiben wie ein Makel, eine verworfene, abseitige Angelegenheit vorkam. Hier verbindet er diesen Hieb gegen den Schreibdrang gleich lustvoll mit seinem Spott gegen poetische Verse. Mit der gleichen Tinte, mit der Margarete sie im Verborgenen schrieb, beschmiert sie sich das Gesicht, um Yvonne töten zu können. Letztlich nimmt das Selbstzerpflücken, die Vernichtung ihrer Gedichte die Ermordung Yvonnes vorweg. In Hamburg gab es wieder ein drastisches Bild für die Abkehr vom eigenen Geschriebenen: Die Königin rafft ihr Kleid hoch, zieht ihre Unterwäsche zur Seite und uriniert auf ihre Gedichte (die Schauspielerin entleert sich nicht tatsächlich).

Der Königshof, die gewohnte Ordnung, das eingespielte System, die Natur, die Fassade stürzt. Das Überkommene wird durch Yvonne zunehmend zerrüttet, gesprengt. Sichtbares Zeichen dafür auf der Hamburger Bühne: Die tapezierten Wände fallen, werden nach außen geklappt. Die Schlossmauern mit den vielen Türen erweisen sich plötzlich als bewegliche Wände an Scharnieren. Sie werden eine nach dem anderen flach gelegt (ich kann nicht einmal mehr sagen von wem, wahrscheinlich vom „Wutbürger“ Innozenz und dem ausbrechenden Phillip. Der eigentlich brillante Theatergedanke kommt nun erst, da die Türen mitsamt den Wänden auf dem Erdboden liegen. Wie unter dem absurden Zwang, die Konvention, die Form zu wahren, steigen alle Ankommenden weiter durch diese liegenden Türen, so anstrengend es auch ist, sie in der Horizontalen aufzusperren und hindurch zu krabbeln. Ein Weg, der sie zum Niederbeugen, zum Kriechen, zu Verrenkungen zwingt, sie erniedrigt, wie eine Herrschaftsordnung ihre untergebenen Mitglieder immer ritualisiert erniedrigt, wenn sie in der Form gefangen bleiben. Dieser Regieeinfall hätte Gombrowicz sicher gefallen.

Am Ende muss Yvonne durch die Gräten der Karausche sterben. Die Einmal-Yvonne auf dem Kinderspielplatz wird genötigt, in einen echten, rohen Fisch zu beißen, die Hamburger Yvonne darf von einem Teller kosten.

„Apfel“ und „Birne“ als Theatergewächs vom gleichen Stamm schmeckten mir jedenfalls beide vorzüglich und gut, das jeweilige Publikum hat sie ebenfalls sehr gefeiert und genossen (und ist nicht an ihnen erstickt).

Rüdiger Fuchs

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Vorstellung in Châtillon am 3. Oktober 2015:
„Yvonne, princesse de Bourgogne sur château-toboggan“
En Rang d’Oignons Compagnie, Marseille
Adaption und Regie: Edith Amsellem

Ausgezeichnet mit dem Ensemble-Preis (dotiert mit 7000 Zl.) beim 12. Internationalen Gombrowicz-Festival in Radom

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Vorstellung im Malersaal des Schauspielhauses am 22. Oktober 2016:
„Yvonne, Prinzessin von Burgund“
Deutsches Schauspielhaus Hamburg, eine Koproduktion mit der Theaterakademie Hamburg
Regie: Samuel Weiss

Förderpreis und Preis der Studierenden beim 27. Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender in Bern für »Yvonne, Prinzessin von Burgund« (Koproduktion mit der Theaterakademie Hamburg)

Réunion „franco-allemande-polono-indienne-bulgaro-néerlandaise“ des mordus pour Gombrowicz à Berlin

„Niederländisch-französisch-indisch-polnisch-bulgarisch-deutsches“ Treffen der Gombrowicz-Fans in Berlin

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Aus Anlass der Verleihung des Brücke-Berlin-Preises 2016 an Szczepan Twardoch und Olaf Kühl im Deutschen Theater Berlin traf sich unsere internationale Gombro-Gemeinschaft zu ihrem Zweitausendsechzehner-Jahrestreffen.
Olaf Kühl, der für seine herausragende Übersetzung des Romans „Drach“ aus dem Polnischen ausgezeichnet wurde, hatte Rita Gombrowicz, Prof. Rolf Fieguth, Hilde Fieguth, Paul Beers, Tuesday Bhambry und weitere Freunde, Kollegen und Weggefährten eingeladen, der Feierlichkeit beizuwohnen und gemeinsame Stunden in der deutschen Hauptstadt, u. a. unweit des ehemaligen Wohngebiets von Witold Gombrowicz am Hansaplatz, zu verbringen.

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Der Preisträger Olaf Kühl mit Elżbieta Nowakowska-Kühl im Deutschen Theater. (Foto: R. Fuchs)

Mit dabei ein Abgesandter und Ehrenmitglied des holländischen Studentenbundes F.E.R.D.Y.D.U.R.K.E. in der Original-Vereinstracht, wie nachstehendes Foto beweist:

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Paul Beers‘ schöner Rücken in oranje.
(Foto: R. Fuchs)

 

Meine Frau und ich, wir erfreuen uns ebenfalls der Zugehörigkeit zu diesem Kreis und wir bedanken uns an dieser Stelle für viele neue Anregungen und Einblicke.

Rüdiger Fuchs

 

 

 

 

 

 

Gombromanen zu Gast im Literaturhaus Rostock

Am 2. Juni 2016 in Rostock:

Olaf Kühl stellt seine Übersetzung von KRONOS, dem sogenannten Intimen Tagebuch vor.

Außerdem wird der Schriftsteller und Übersetzer aus Berlin mit Rüdiger Fuchs, dem Rostocker Herausgeber der „Gombrowicz-Blätter“, sprechen. Dabei geht es um Gombrowicz als starken Quell der Inspiration und die Aufnahme seines Werks in Deutschland.

Beginn: 20 Uhr
Literaturhaus Rostock
im Peter-Weiss-Haus
Doberaner Straße 21
18057 Rostock

www.literaturhaus-rostock.de

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Foto: 2012 – Olaf Kühl (rechts) bei einer Lesung aus seinem Roman »Tote Tiere« in der Rostocker Buchhandlung »buch…bar«. Daneben (und quicklebendig): Gesprächspartner Fuchs.

Deutsche Sprache – schwere, schöne Sprache

Zum Internationalen Tag der Muttersprache (21. Februar)

Der Internationale Tag der Muttersprache sei mir Anlass, über den Zustand unserer Muttersprache nachzudenken. Kein Zweifel, es gibt Grund zu klagen, aber es gibt auch Positives festzustellen.

Das Gute ist, dass sich unsere Sprache als sehr lebendig, veränderlich und geschmeidig erweist, um mit den Erscheinungen der Gegenwart Schritt zu halten. Ohne Unterlass werden Neologismen gebildet, entstehen neue Redensarten und werden Wendungen zu geflügelten Worten. Unser Deutsch integriert fremdsprachige Worte ohne Obergrenze. Der Volksmund ist weiter sehr erfinderisch und produktiv. Auch global gesehen, sieht es ganz und gar nicht nach einem Rückzug oder gar Verschwinden der deutschen Sprache aus. Im Gegenteil, weltweit wird viel Deutsch gebüffelt, denn Deutschland, die Schweiz und Österreich sind als Einwanderungsländer beliebt, gern wird an deutschen Hochschulen studiert und deutsche Unternehmen sorgen mit ihren Exporten – und manchmal auch Skandalen – für die Verbreitung deutschen Wortschatzes über alle Kontinente.

Was Sorgen bereitet

Auffällig sind die Niveauverluste in der sprachlichen Ausdruckskraft, die Häufigkeit grammatischer Fehler und das teils allzu bereitwillige Einpassen englischer Begriffe in unsere Sprache. Vielen Schulabgängern von heute bescheinigen Lehrer, Lehrausbilder und Universitätsdozenten mangelhafte Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung und Grammatik und eine verminderte Fähigkeit der Ausdrucksweise.

Die Ursachen sind vielfältig

Mündliche und schriftliche Kommunikation über digitale Geräte machen alles einfacher und schneller. Geschriebenes und Gesprochenes fließt viel stärker ineinander als zu früheren Zeiten. Es wird geschrieben, wie gesprochen wird. Während der E-Mail- Verkehr noch weitestgehend die Gepflogenheiten der brieflichen Schreiben übernahm, sind seit SMS, Whats- App, Twitter und Online-Chats alle Regeln gefallen. Erlaubt ist, was (gerade noch) vom Empfänger verstanden wird. Dabei führen auch die nicht der Fingerkuppengröße entsprechenden Tastaturen auf den „Touchscreens“ zu höheren Fehlerquoten. Manchmal durchaus innovative Sprachverstümmelung ist die Folge. Schade nur, dass damit jeglicher Reichtum des Vokabulars sowie das Wissen um richtige Schreibung und den korrekten Satzbau verloren geht.
Ein Zweites sind die schlechten Vorbilder. Angesagte Zeitschriften, Internetforen und -blogs, Facebookseiten, Radio- und Youtube-Kanäle, die von Jugendlichen und der mittleren Generation täglich konsumiert werden, sind nicht gerade die Gralshüter eines verständlichen, gepflegten und richtigen Deutschs. Sind solche Sätze wie „Jamie-Lee Kriewitz ist The Voice of Germany“, die man dort finden kann, eigentlich noch in unserer Muttersprache verfasst? Nur ein klitzekleines „t“ macht diesen Satz zu einem (mehr oder weniger) deutschen Satz.
Die Sprache der Arbeitswelt und der heutige Firmenjargon sind ebenfalls keine guten Vorbilder. Das fängt schon bei den Berufsbezeichnungen an. Sieht man sich Stellenanzeigen der Gegenwart an, knobelt man vergeblich. Was zum Teufel treibt ein „Key Account Manager“ oder ein „Head of Operations“? Selbstdarstellungen in Unternehmensbroschüren oder auf Webseiten lesen sich wie eine Mischmasch-Geheimsprache, die nur Eingeweihte verstehen: „Das Portfolio des Kommunikationsdienstleisters umfasst im Inbound-Betrieb Leistungen wie Information, Beratung sowie User Helpdesks im Second- und Thirdlevel. Im Outbound-Betrieb reicht das Dienstleistungsspektrum von Leadqualifizierung über Cross- und Upselling bis zu Aftersales-Betreuung und Außendienstunterstützung.“ ?!
Es läuft kaum ein Film – auch nicht im Öffentlich- Rechtlichen Fernsehfunk mit seinem „Bildungsauftrag“ – in dem nicht nach „wegen“ der falsche 3. Fall benutzt würde: „wegen mir“, „wegen dir“, „wegen ihm“ usw. statt richtig: meinetwegen, deinetwegen, seinetwegen. Weswegen ist das so? Wegen des mangelhaften Sprachgefühls der Drehbuchschreiber, Schauspieler oder Synchronsprecher? Ja und nein. Gewiss wird auch wider besseres Wissen so falsch gesprochen, einfach um die gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. Denn es wird mittlerweile fast überall so geredet. „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ (Bastian Sick) – das hat sich leider bewahrheitet. Falsche Vergangenheitsformen („lügte“ statt „log“) und falsche Befehlsformen („Helfe mir!“ statt „Hilf mir!“) sind weitere Beispiele. Aber auch das gehört eben zur Sprachentwicklung. Werden die fehlerhaften Formbildungen zum Allgemeingut, wandeln sie sich allmählich zur gültigen – und also richtigen – Form. Solche Prozesse lassen sich nicht aufhalten, ob es dem Einzelnen gefällt oder nicht.
Man darf auch nicht unerwähnt lassen, dass die Verwirrungen durch die halbherzigen Rechtschreibreformen und Diskussionen der Jahre 1998 bis 2006 zur umsichgreifenden Regelverwässerung beigetragen haben. Im Grunde benutzt nun jeder seine Privatrechtschreibung. Wenn wir ganz ehrlich sind, ist das im Privat- und Alltagsleben auch gar keine Katastrophe. Bedenklich ist eben nur, dass damit eine verbindliche, einheitliche Richtschnur für die Erlerner und Vermittler unserer Muttersprache verloren geht.

Inhaltliche Auszehrung

Indes ist unser Deutsch meines Erachtens der größten Gefährdung durch die inhaltliche Unterhöhlung ausgesetzt. Das einstmals so deftige, deutliche und direkte Deutsch, das auf den Punkt kommen konnte, ist im öffentlichen Raum heute verpönt. Politiker, die in kurzer, knackiger Form schwierige Zusammenhänge darlegen können, ohne nur Blabla zu sagen, sind bis auf wenige Ausnahmen verschwunden. Normal ist ein inhaltsleeres Kauderwelsch geworden, das niemandem wehtut und alles verspricht. Einer klaren Antwort kunstblumig auszuweichen, ist wie ein Leistungssport, den vor allem Spitzenpolitiker trefflich beherrschen. Selbstverständlich gibt es auch politische Pöbler im Gegentrend, die gerade besonders derb austeilen und verletzen wollen. Solche Kandidaten vereinfachen dann allerdings unzulässig, malen schwarz-weiß und gefallen sich in ihren extra markigen Sprüchen. Dann wird das klare Deutsch zu seiner negativen Ausprägung, aufgeladen mit Schimpfwörtern, Hass und Beleidigung. Es wird zum unerträglichen Politgebrüll verbogen.
Eine reiche Sprache braucht eine breite Palette an Nuancen und Abstufungen, von drastisch über diplomatisch bis dichterisch. Wo ist ein Politiker, der über diese ganze Klaviatur verfügt und damit etwas Ideenreiches, Belangvolles, Aufbauendes zu sagen hat? Heute haben alle „Handlungsbedarf“ und „müssen ihre Hausaufgaben machen“, sind mehr oder weniger „gut aufgestellt“ und sind vermeintlich „ganz bei uns“ …

Zur inhaltlichen Aushöhlung gehört leider auch die allgemein übliche Verhüllung bei Bezeichnungen von Gegenständen, Personen und Vorgängen. Dieses Phänomen ist auch als „political correctness“ bekannt. „Senioren“, „ältere Menschen“ wurden früher als „Alte“ bezeichnet. Niemand störte sich daran. Aus dem „Altenheim“ wurde die „Seniorenresidenz“. Dicke waren „dick“ und nicht „vollschlank“ oder „übergewichtig“ oder „Menschen mit Gewichtsproblemen“. Kein Mensch weiß mehr, wie er „Menschen mit dunklerer Hautfarbe als der des mitteleuropäischen Typs“ nennen soll, ohne irgendwem zu nahe zu treten. Bücher von Astrid Lindgren wurden deshalb sogar in Neuauflagen geändert. In den Grundschulen machen die Kinder keine „Fehler“ mehr, sie machen es „nur noch nicht ganz richtig“.
So verständlich und schön es ist, dass niemand durch die Mittel der Sprache öffentlich herabgesetzt werden soll, so unverständlich ist die Übertreibung dieser hehren Absicht. Es entstehen Sprachkonventionen, erstarrte Muster, die von vielen, aus der Angst anzuecken, übernommen werden. Das führt zu solchen Merkwürdigkeiten im Sprachgebrauch wie: „Menschen mit Migrationshintergrund“, „Zweiter Sieger“, „Inobhutnahmeeinrichtung“ (statt „Heim“).
„Immer mehr weniger mobile Senioren“ war ein Bericht überschrieben, der sich damit befasste, dass die Zahl der alten Menschen steigt, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Auch zaubert man leider nicht aus Ausländern willkommene Inländer, indem man die „Ausländerbehörde“ in „Willkommensbehörde“ umbenennt. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre! „Ausländer“ ist ein völlig sachlicher Begriff für Personen, die Bürger eines anderen Landes sind. Man darf sie so nennen. Wozu die Furcht vor klarer Benennung führen kann, haben wir an der Aufarbeitung der schrecklichen Taten aus der Silvesternacht von Köln gesehen. Die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats nahm weiter Schaden, weil Polizeibeamte sich eine Zensur auferlegten und die Herkunft der Straftäter aus Nordafrika zunächst verschwiegen. Sie lieferten damit nur erst recht Munition für Flüchtlingsgegner, die ohnehin überall „gelenkte Informationen“ und die „Lügenpresse“ wittern.

Auch für die Praxistauglichkeit und Zweckmäßigkeit einer „geschlechterneutralen“ Sprache steht der Beweis noch aus. Gender-Stern (Bsp.: „Bürger*innen“) und Unterstrich („Bürger_innen“) sehen geschrieben relativ geeignet aus. Beim Sprechen müssten sie aber immer wieder aufgelöst werden – zu dem umständlicheren „Bürgerinnen und Bürger“. Wird wirklich eine Frau diskriminiert, wenn man nur „Bürger“ sagt und unterschiedslos männliche, weibliche und ggf. gemischtgeschlechtliche Mitglieder des Gemeinwesens meint? Werden wir in den Zeitungen und Verlautbarungen eines Tages konsequenterweise auch von „Strohfrauen und Strohmännern“, „Verbrecherinnen und Verbrechern“ oder gar „Dummköpfinnen und Dummköpfen“ lesen müssen? Wichtiger als diese Debatten um das Sprachliche ist es doch, echte Gleichberechtigung im realen Leben – und nicht auf dem Papier, dem Bildschirm oder in der Sprechblase – zu schaffen.

Durch das Verwenden von politisch-menschlich-moralisch einwandfreien Formulierungen werden Texte aufgebläht und unverständlicher, entfernen sich von der Masse der Menschen, die (noch?) nicht so spricht. Übrigens verursacht diese neue Sprache auch Kosten: Texte werden nachweislich nicht nur komplizierter, sondern auch wesentlich länger. Mehr Papier, mehr Druckerschwärze und Tinte, mehr Strom wird verbraucht. All diese merkwürdigen Umschreibungen und Wortungetüme wie das schon genannte „Menschen mit Migrationshintergrund“ helfen ja nicht weiter und schützen nicht effektiver vor tatsächlicher Diskriminierung als die kürzeren Begriffe (in diesem Falle: „Migranten“). Entscheidend ist doch, wie wir mit diesen Menschen umgehen, wie wir sie behandeln, wie ernsthaft wir uns für ihre berechtigten Interessen einsetzen.

Nachbemerkung: Ich zeige nicht mit dem Finger auf andere und gestehe, so manches Mal bin ich selbst nicht besser. Wer trifft schon immer den richtigen Ton? Jedem unterlaufen auch mal ärgerliche Fehler und Schnitzer, die auch beim wiederholten Korrekturdurchgang leider überlesen werden.
Liebe Mutter SPRACHE, sei mir – nicht nur an deinem Ehrentag – dennoch wohlgesonnen!

Rüdiger Fuchs