Paris pandemisch

2.  bis 4. Oktober 2020

Nach unserem letzten Gombrotreffen in der Schweiz, in Fribourg, an dem Rita Gombrowicz leider nicht teilnehmen konnte, haben wir nun ihren runden Geburtstag nachgefeiert, in Paris. Ursprünglich für den Mai vorgesehen, wurde auch unsere Verabredung Opfer der allgemeinen Aufschübe und Aufhebungen, die im Zusammenhang mit der Covid-19-Ausbreitung um sich griffen. Wir hofften, im Oktober habe sich die Coronawelle in Europa genügend abgeflacht. In der Tat gab es zumindest keine Reisebeschränkungen mehr, allerdings aufgrund wieder erheblich ansteigender Infektionszahlen Reisewarnungen. Für unsere Zielregion, die Île de France, galt bereits seit einigen Wochen der „Alarme renforcée“ und die Einstufung als „Risikogebiet“ seitens des deutschen Auswärtigen Amtes.

Mit dem ihr eigenen Humor lud Rita uns dennoch unerschrocken zum „petit bal masqué“ nach Paris, zu einem Arbeitstreffen in ihre Wohnung am Freitag Abend. Am Samstag hatten wir die Ehre, zu einem Mittagessen im Restaurant „Chez Loulou“ im Gebäude des Musée des Arts Décoratifs ihr Gast zu sein. Hier ergab sich die glückliche Konstellation, nicht nur wiederholt nachträglich auf ihren Geburtstag und unser aller Gesundheit anstoßen, sondern zugleich den 30. Jahrestag der wiedergewonnen deutschen Einheit feiern zu dürfen – und das mit den Freunden aus Frankreich, Polen und den Niederlanden, in Paris! Und Sonntag besuchten wir einen kleinen Empfang im geräumigen Appartement ihrer Freundin, der Literaturprofessorin und Übersetzerin Malgorzata Smorag. Soweit das Programm des Aufenthalts in der französischen Metropole.

Logiert haben wir nach der Airbnb-Methode, ich für meinen Teil mit einem schlechten Gewissen, angesichts der Wohnungspreise, horrenden Mieten und vor allem der in der gleichen Straße an Hauseingängen campierenden Obdachlosen. Doch ist es kaum möglich, im Pariser Zentrum für sechs bis acht Personen eine bezahlbare Unterkunft zu finden, die noch dazu die Vorteile eines gemeinsamen Wohnbereichs und Essenraums bietet. Ausgestattet mit allem üblichen Komfort, erwies sich das Airbnb-Appartement als erschreckend stillos, geradezu unfranzösisch. Durchweg grellweiße Nichtfarbe an den Wänden, Türen und Schränken sterilisierte es mit allzu großem Erfolg. Symptomatisch die Wandbehängung (vgl. Foto): drei Stadtkarten gleicher Machart von New York, London und Paris. Drei Metropolen der Welt, die zum Glück immer noch sehr unterschiedlich sind, werden hier nebeneinander zum Gleichnis für den globalisierten Beherbergungsbetrieb ohne jede Einzigartigkeit. Diese Bleibe könnte in jeder beliebigen Weltstadt nichts als ihren rein touristischen Zweck erfüllen. Gerechterweise muss man sagen, dass man unter normalen Bedingungen und bei schönstem Wetter als Parisbesucher kaum eine Minute des Tages und Abends hier zubrächte. Man schliefe nur in dieser vom nächtlichen Grau gedämpften Einheitsweiße. Doch in Zeiten der Pandemie mit der Maskenpflicht unter freiem Himmel und als Kürzestbesucher? Wir haben es zum Frühstück und am fortgeschrittenen Abend verstanden, dennoch eine gewisse Gemütlichkeit zu erzeugen. Und wir haben durch unsere Persönlichkeiten mit verschiedenen Temperamenten sowie mit unseren Gesprächen Farbe in diese Behausung gebracht.

Vielleicht ist diese Blässe der Airbnb-Wohnung mir umso mehr aufgefallen, als das schöne Zuhause von Rita mit dem großflächigen wunderbaren Gemälde (das allein schon eine weite Palette an bezaubernden Farbtönen in den Raum wirft), darüber hinaus mit seiner warmen Beleuchtung und den Bücherwänden eine angenehme Atmosphäre verströmte. Wir leerten so manche Flasche Champagner aus ihren Beständen, speisten gemeinsam von den dargebotenen Köstlichkeiten. Die Gespräche drehten sich um die Lage und das Geschehen am Theater und auf den Büchermärkten im Allgemeinen und hinsichtlich der Gombrowicz-Werke. In Litauen erlebt er einen anhaltenden Boom, berichtete Rita. Ansonsten sieht es in Europa, mit Ausnahme Polens versteht sich, schlechter aus. In Argentininen ist er hingegen bekannt und beliebt wie nie, vor allem bei der jüngeren Lesergeneration. Durch die Coronamaßnahmen fehlen zurzeit allerdings weltweit und insbesondere in Frankreich die Aufführungen seiner Stücke auf der Bühne.

Wir tauschten im Folgenden vertrauliche Informationen zu Vertragsverhandlungen mit Verlegern, Buchprojekten sowie sehr Persönliches aus, das hiesigen Orts nicht weiter beschrieben sein soll.

Die Stimmung war hervorragend und wir lachten über Pauls Scherze, Ritas Späße und die Portion Situationskomik, die sich stets zu ergeben pflegt, wenn muntere Geister in mindestens drei Sprachen miteinander konversieren. Gleichwohl fehlten uns zur absoluten Seligkeit Tuesday und Patricia, die wir vermissten.

Die Rückfahrt geschah in Grüppchen mit zwei Taxis, da es regnete. Unser Chauffeur sprach ein wenig Deutsch, ein Algerier, nutzte geschickt die nette Unterhaltung zu einem Umweg aus. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass er viel zu weit in östlicher Richtung an der Seine entlang fuhr.  Und tatsächlich, wir zahlten fünf Euro mehr als die anderen. Aber was ist in Paris schon eine Taxirechnung von 15 Euro? Und es sei dem Taxifahrer in diesen – auch für seinen Berufszweig nicht leichten – Zeiten verziehen, ja vergönnt. Wir ließen den Abend mit einem Glas Rotwein in der Wohnung in der Rue de Rivoli und einigen resümierenden Betrachtungen ausklingen.

Am Morgen zum Boulanger, Croissants und Pains au chocolat, Nescafé und Tee zum petit déjeuner, 13 Uhr die Verabredung mit Rita. Wir machten uns auf den Weg und trafen sie par hasard am Straßenübergang zur anderen Seite der Rue de Rivoli und gingen gemeinsam in das Restaurant. Strenge Kontrollen am Einlass, wir mussten unsere Taschen öffnen und unsere Hände mit Gel unter den Augen der Sicherheitskräfte desinfizieren. „Chez Loulou“ … Dem Restaurantpersonal werden wir zumindest für den einen Tag im Gedächtnis bleiben: als unentschiedene Gäste, die zunächst nicht wie vorgesehen am eingedeckten Tisch im Separee Platz nehmen, sondern lieber auf die Terrasse wechseln möchten. Kaum hatten wir uns dort draußen eingerichtet und mit wärmenden Decken versorgt, verdüsterte sich der Himmel, wehte plötzlich ein schärferer Wind und wir mussten anerkennen, dass wir im Innenraum doch besser aufgehoben wären und wechselten erneut. Eine Erkältung könnte heutzutage fatale Folgen zeitigen! Die Angestellten spiegelten es mit einem Lächeln, hier ist der Kunde König. „Table à la fois délicate et frivole, on y partage le bon et le beau, de jour comme de nuit, avec sensualité et grâce infinie.” – so heißt es in einem Werbetext von der Webseite des Restaurants.

Das Verwechslungsspiel mit dem sprudeligen und dem stillen Wasser begann und die Wahl des Rotweins gestaltete sich etwas kompliziert: Rita wünschte eine Empfehlung und die Serviererin sprach sehr schnell und mit hoher Stimme, dazu unter der Schutzmaske, sie war schwer zu verstehen. Am Ende brachte sie neue, spezielle Gläser und einen exzellenten Rotwein aus dem Languedoc. Ich wählte Thunfisch: “Thon mi-cuit Riviera, pesto, artichauts, tomates confites, asperges vertes”. Raffiniert, köstlich. Zum Dessert doppelter Espresso für mich. „Café gourmand“, ein wunderbares Arrangement aus mehreren kleinen Schokoladen- und Törtchenleckerbissen, serviert zusammen mit einem Espresso, so die Wahl meiner Tischnachbarinnen, sah auch sehr verlockend aus. Doch ich verzichtete aufgrund gewisser Anti-Zucker-Schwüre.

Hernach war Zeit zur Verfügung für eigene Unternehmungen. Ich spazierte an der Seine entlang, Richtung Notre Dame. Stöberte bei den Bouquinistes und in Buchhandlungen. An der Place St. Michel waren relativ viele Menschen, lauschten einem kleinen Straßenorchester. Doch die ansonsten tausenden Touristen rings um die Île de la Cité waren merklich abwesend. Die Franzosen waren sehr diszipliniert (von wegen nur die Deutschen!), so gut wie alle trugen die Maske, die wenigen ohne rauchten gerade. Ich bekam bei den Bouquinistes, wonach ich seit Jahren suchte: Jarrys „Surmâle“ und „Dr. Faustroll“ und für Olaf eine Céline-Biografie bei Gibert (einer Art „Wohlthat’schen Buchhandlung“ für günstige Gelegenheiten). Zurück zum Appartement durch den Louvrekomplex. Wenig Betrieb herrschte rund um die Glaspyramiden.

Sonntag, wir frühstückten (von den Resten vom Vortage) im Haus. Die nächste Verabredung erst gegen 17 Uhr. Also freie Zeit, ein Teil der Reisegesellschaft möchte zum Père Lachaise, Paul und ich wollten lediglich promenieren. Wir gingen aber alle gemeinsam los. Richtung Place de la République, vorbei am Molière-Denkmal, zu St. Eustache, zum Forum des Halles, das komplett anders aussieht, als ich es kannte, modernisiert im Stile eines Galaktischen Einkaufszentrums. Im Park davor die Wege nach Dichtern benannt: Saint John-Perse, André Breton. Im Lego-Laden die Kathedrale Notre Dame, unzerstört, aus Plaste-Bausteinen. Olaf schickte davon ein Foto an seinen Enkel. Antwort: „coole Kirche“.

Am Centre Pompidou suchten wir ein Café auf. Sehr guter, starker Espresso. Paul erzählte mir die Genese und Geschichte seiner Ingeborg-Bachmann-Übersetzungsarbeit.

Foto: Olaf Kühl

Dann trennten wir uns, Paul und ich marschierten allein zurück. An St. Merry vorbei, wo gerade die Sonntagsmesse zuendeging. Wir traten ein und schritten einmal durch die Kirche. Unergründlich, wie eine Person allein, dieser grausam zugerichtete Jesus, eine weltumspannende Religion gründen konnte, so etwa sagt Paul zu mir, und ich dachte auch oft so und begreife es nicht. Ich bin ungetauft, ein Kind des „realen Sozialismus“, glaube an ein höheres Prinzip, höhere Wesen vielleicht, sogar fest an Vorsehung, Liebe und Schicksal, aber an einen Gott und einen Sohn Gottes? Mich würde man schnell einen Kopf kürzer machen, würden Ultrareligiöse zu mächtig. Wir wunderten uns über den wenig französisch klingenden Namen Merry. Inzwischen weiß ich, dass St. Merry ein Priester und Mönch war, der eigentlich Medericus hieß. Er wurde im Jahre 884 während der Belagerung von Paris durch die Normannen zum Schutzpatron des rechten Seineufers gewählt. Paul und ich gelangten als erste wieder zur Wohnung und wir unterhielten uns dort weiter, dann arbeitete jeder ein bisschen für sich, lesen, schreiben, die Lieben daheim kontaktieren. Die anderen trudelten darauf ebenfalls allmählich ein, hielten Mittagsruhe und schließlich trafen wir Vorbereitungen zum Aufbruch.

Wir beschlossen, den Weg zu Fuß zu gehen, nach der Routenbeschreibung von Rita. Doch es zog sich länger hin als gedacht und es begann zu regnen. Zunächst noch moderat, doch dann goss es so gewaltig, dass wir uns unterstellen mussten. Endlich fanden wir die Rue du Sentier, die besagte Hausnummer existierte doppelt, doch schließlich fanden wir die richtige Pforte. Wir kamen daher eine halbe Stunde verspätet zur Einladung. Rita hatte uns schon erwartet, aber die Gastgeberin blieb entspannt. Es folgte heftiges Wirken und dabei lebhafter Austausch der Damen in der offenen Küche zur Herrichtung des Büfetts. Die ganze Wohnung über zwei Etagen ist eher ein Palast, oder zumindest Palastflügel. Enorme Deckenhöhe, breite Holztreppe, sehr geräumig und künstlerisch, effektvoll eingerichtet. Der Regisseur Wolski, dessen Film gezeigt und der eigentlich in Person dabei sein wollte, hatte krankheitsbedingt abgesagt. Champagner wurde ausgeschenkt, Wodka der Marke „Pan Tadeusz“ schon mal zum Vorgeschmack präsentiert. Olaf arrangierte ein Gruppenfoto, auf meine Bitte schon jetzt, damit ich noch daran teilhaben konnte. Denn für mich – quel dommage! – tickte bereits die Uhr. Gerade erst als Autor eines Buches mit dem Titel „Gombroman“ vorgestellt, hieß es schon wieder bald Abschied zu nehmen. Schließlich wurde, fünf Minuten bevor ich gehen musste, das Büfett eröffnet. Aufgeschnittener gebeizter Lachs mit Kräuterrand, Salzgurken, Brote, Dips, Käsetafel. Ich nahm nur wenige Happen und sagte Adieu. Das nächste Treffen der Gombroclique solle in Vence stattfinden, versicherten wir einander.

Ich beeilte mich, rechtzeitig zum Gare de l’Est zu kommen. Durch die Rue du Faubourg Saint-Dénis, die noch von Einkaufsgewimmel erfüllt war, dann den Boulevard de Strasbourg hinauf. Es gelang. Der ICE setzte sich pünktlich in Bewegung, mit mir an Bord.

Am Montag erklärte die Pariser Administration das gesamte Gebiet zur Zone des „Alarme maximale“ und setzte wieder drastischere Einschränkungen in Kraft. //rf

Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet: Rüdiger Fuchs

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